date1998
title Sonderausgabe Design Austria 05
Hannes F. Famira, Interfamily
published by Design Austria DA, Berufsverband der Grafik-Designer, Illustratoren und Produkt-Designer.
Kandlgasse 16, 1070 Wien, Austria
place Den Haag, The Netherlands and Vienna, Austria
The exchange that resulted in this text was conducted in German Language by email.
title Sonderausgabe Design Austria 05
Hannes F. Famira, Interfamily
published by Design Austria DA, Berufsverband der Grafik-Designer, Illustratoren und Produkt-Designer.
Kandlgasse 16, 1070 Wien, Austria
place Den Haag, The Netherlands and Vienna, Austria
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Zur Person
Seit einigen Jahren lebt Hannes Famira in Den Haag, mit dem Fahrrad fünf Minuten vom windigen Strand entfernt.
Seine Ausbildung begann 1991, als er den Vorkurs der Allgemeinen Gewerbeschule Basel besuchte und anschließend grafische und typografische Gestaltung an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste Den Haag studierte (Diplom, Sommer 1996). Unter seinen Dozenten waren Frank Blockland, Matthias Noordzij, Peter Verheul und Petr van Blockland. In den Sommerferien absolvierte er Praktika in verschiedenen Betrieben (Layoutsetzerei Stulle in Stuttgart und xplicit-ffm). Nach dem Studium durchlief Hannes bei Studio Dumbar und dem FontBureau in Boston das in Holland übliche Praktikumsjahr.
Bei Studio Dumbar arbeitete Hannes u.a. am Wettbewerb zur Gestaltung der Euro-Münzen mit und entwickelte die Pictogramme für das Orientierungssystem der „gak“ (eine Firmengruppe zu deren Aufgabe die Umsetzung des holländischen Arbeits- und Krankenrechtes gehören). Zur Privatisierung erhielt die gak vom Studio Dumbar eine neue Corporate Identity mit einer exclusiven Hausschrift von Just van Rossum, die auch im Orientierungssystem Anwendung findet.
Beim FontBureau in Boston arbeitete er an Custom-Fonts für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen mit.
Zur Zeit arbeit Hannes im Bureau Petr van Blokland und Claudia Mens in Delft. Sein Aufgabebgebiet liegt hier in der Gestalung für Inter- und Intranet, im Schriftentwurf und Database-Publishing. Für die Versicherungsgruppe „Nationale-Nederlanden” ist er mit einer Komplettübearbeitung der Hausschrift Helvetica und den Logo- und Formularfonts beschäftigt. Zur endgültigen einführung des Euro, der gemeinsamen Währung der europäischen Mitgliedsstaaten (ab 1.1.1999), versieht Hannes die Hausschriften der Kunden des Büros mit dem benötigten Währungszeichen, das bis jetzt in den zum Kauf angebotenen Fonts nicht enthalten ist.
Arbeiten
Während des Studiums machte Hannes eine Menge kaputte Schriften („Hallo Template“, „Banana“, „Bubblejet on Steroids“, „Kugelkopf-Letter“, „Tieschy“ und „Hernard“) und tastete sich so langsam und mit viel Spaß ans Thema Schrift heran. Im Juni 1995 erschienen von den fünf Schnitten seiner Schrift ffMutilated die Gewichte Fat und PlainCaps bei FontShop im Rahmen der Serie Dirty Faces, einem regelmäßig erscheinenden Schriftpaket, das “…außergewöhnliche Beiträge zum Thema der digital gefilterten Alphabete, elektronisch verfremdete Schriften…” veröffentlicht.
Einige seiner Schriften wurden veröffentlicht im Buch „Haagse Letters“ (De Buitenkant 1996) und im „Con Form“ einer Publikation der Königlichen Akademie veröffentlicht.
Für die Gestaltung einer Benefizbriefmarke für die “Koninklijke Nederlandse Centrale Vereniging tot bestrijding der Tuberculose” erhielt er 1995 den Robert Koch Preis.
Zur InterFamily©
Die InterFamily© ist ursprünglich ein Schulprojekt. Zur Ausbildung an der Königlichen Akademie in Den Haag gehört im dritten Studienjahr die Gestaltung einer eigenen Schrift, mit dem Ziel sie für das Examen bis zur Anwendbarkeit zu entwickeln. Die ersten Skizzen entstanden in einem von Just van Rossum geleiteten Workshop im Rahmen der Märzakademie in Stuttgart. Nach diesen Faustskizzen begann Hannes recht schnell das erste Alfabet in Nachtarbeit an seinem Praktikumsplatz, der Layoutsetzerei Stulle, am Computer zu zeichnen. Seitdem ist an der InterFamily© zwar viel geschehen; der Punkt jedoch, an dem sich sagen ließe: „So, du bist fertig“ liegt noch in weiter Ferne. Im Moment im Entstehen ist die Monopol, ein monospaced Korrespondenzschnitt und die Kursive.
Die InterFamily© ist ein Komplettpaket zur Lösung umfassender Gestalungsaufgaben wie Corporate Designs. Jeder der sechs Schnitte (Light, Book, Medium, Semibold, Bold und Black) hat einen Satz Kapitälchen. Das alles wiederholt sich natürlich noch einmal in der Kursiven. Um allen Anwendungen gerecht zu werden, wird die Serifenlose von einem serifenbetonten Zwillingsbruder begleitet, einer Egyptienne mit einem leicht angehobenen Kontrast, die als Brotschrift einsetzbar ist. Ein Formular-Font und der (monospaced) Korrespondenzschnit runden die Familie ab und ermöglichen es auch komplexe typografische Jobs innerhalb der InterFamily© lösen zu können, ohne auf andere Schriften ausweichen zu müssen.
Die Großbuchstaben haben eine recht geringe Versalhöhe und laufen eher schmal, wodurch es möglich ist ganze Worte in Versalien zu setzen, ohne daß weiße Wolken im Text entstehen. Die Kleinbuchstaben werden von Mediævalziffern und den entsprechenden kleinen Währungszeichen begleitet. Die SmallCaps Fonts sind mit Versalziffern ausgestattet. Wenn Hannes die Schrift anwendet und einer Buchstabenkombination über den Weg läuft, die nach einer Ligatur schreit, dann zeichnet er eine, was nicht immer sinnvoll ist, aber Spaß macht und ungewöhnliche typografische Lösungen ermöglicht.
Warum Schriften Zeichnen
Schrift zeichnen macht – so Hannes Famira – Spaß. Das ist ein ziemlich guter Grund für ihn um sich damit zu beschäftigen. Darüber hinaus nennt er noch andere Gründe:
Grob vereinfacht könnte man sagen, daß das, was man im täglichen Leben zum visuellen Konsum vorgeworfen bekommt ein Kuddelmuddel aus unverdaulichen Rohdaten ist. Zum einen Teil ist dies Bildmaterial und zum anderen geschriebenes Wort in der einen oder anderen Form. Wenn nun der Job des Grafikers darin besteht aus diesen Daten Information zu kneten, so muß eigentlich die Hälfte seiner Aufmerksamkeit dem Umgang mit Schrift gelten, der Typografie. Typografie ist Hannes Famiras professionelles Anliegen.
Bei der Wahl einer Schrift kommen eine Reihe technischer und ästhetischer Kriterien zum Zuge. Die alte Regel laut welcher der Schriftgestalter seinen Job gut gemacht hat, wenn man eine Schrift nicht bemerkt, bedeutet für Hannes nicht, daß gute Gestaltung unauffällig ist. Auf der langen Scala zwischen ausgesprochener und unentschiedener Gestaltung liegt sein Anliegen sicherlich auf der Seite des Eindeutigen. Handelt es sich um größere komerzielle Anwendungen, so kommen zu technischen und ästhetischen Gesichtspunkten noch rechtliche und wirtschaftliche. Von all den tausenden Schriften, die im richtigen Dateiformat verfügbar sind, bilden die, die er gerne benutzen würde weil sie „gut aussehen“, also eine Reihe ästhetischer Bedingungen für ihn erfüllen, eine recht kleine Auswahl. Die funktionellen Ansprüche, die eine Schriftfamilie erfüllen muß um gute Typografie zu ermöglichen reduziert die Gruppe der noch in Frage kommen Schriften noch einmal. Es bliebe ihm also oft die Option, bestehende Schrifen zu erweitern, das heißt, Dateien zu öffnen und für die jeweiligen Zwecke brauchbar zu machen. Das ist urheberrechtlich problematisch, kreativ fragwürdig und vom Arbeitsaufwand oft langwieriger als ein neuer Ansatz. So mag es ihm besser erscheinen, sich selbst hinzusetzen und sich die Schrift zu zeichnen, die er braucht. Ausschließlich mit Schriften anderer Gestalter zu typografieren, erscheint ihm persönlich zu wenig, so wie ausschließlich mit Stockfotos zu arbeiten. Aber er gesteht ein, daß das auch ein Stückchen Fachidiotie ist von ihm ist.
Schrift zeichnen ist für ihn der erste Schritt beim Typografieren. Das mag eine recht radikale Herangehensweise sein, heißt aber im Umkehrschluß, daß er, wenn er eine Schrift gestaltet auch genaue Vorstellungen in Bezug auf die Typografie hat. Leider beschränken sich die Möglichkeiten diese Vorstellungen einer Schrift mit auf den Weg zu geben eigentlich nur auf das Kerning und die Entscheidung welche Buchstaben miteinander auftreten sollten (z.B. daß im Text die Mediævalziffern zu verwenden sind). Daß sich hiermit die Einflußnahme auf die Typografie schon erschöpft hat liegt vor allem an den eingeschränkten technischen Möglichkeiten.
Schrifttechnologie, wo gehts hin?
Beim Umgang mit Schrift lassen wir uns von allen Seiten helfen. Das Font Utility (Suitcase, MasterJuggler, ATM usw.) aktiviert Fonts, interpretiert Outlines, löst ID-Konflikte, erkennt Familienzugehörigkeiten usw. Die (Textbearbeitungs-, Layout- usw.) Programme positionieren, skalieren, rotieren Outlines, merken sich Typogramme, verstehen oder editieren sogar Kerning, der Rasterizer macht schwarze und weiße Flächen aus Outlines, interpretiert das Hinting etc.
Hierbei kann man im Prinzip zwei Orte unterscheiden, wo die Intelligenz sitzen kann: Im Font selbst oder in den Programmen, in denen die Fonts gebraucht werden.
Da der Programmierer natürllich keine Ahnung haben kann, welcher Font tatsächlich zur Anwendung kommt, stattet er die Applikationen mit einem breiten Spektrum an Möglichkeiten zur Schriftmanipulation aus, ohne auf die jeweiligen Besonderheiten eines Alfabetes eingehen zu können. Mit dieser Methode kann man schon eine Menge erreichen, man wirkt dabei aber immer nur von außen auf den Font ein. Man kann sozusagen die Buchstaben hin und her rücken, sie sind sich dabei jedoch ihrer speziefischen typografischen Umgebung nicht bewußt. Daß Fonts sich ihrer Umgebung entsprechend verändern sollten ist eine gar nicht so neue Idee. Johannes Gutenberg hatte im Beginn für seine Schriften eine ganze Menge alternativer Buchstaben und Ligaturen zur Verfügung. Das ausgewogene Bild der geschriebenen Schrift vor Augen gebrauchte er also statt einer Menge identischer, eine Vielzahl alternativer, beispielsweise in der Laufweite variierender Lettern. Es scheint jedoch als landeten später aus Erwägungen der Wirtschaftlichkeit alle Buchstabenvarianten in einem einzigen Schuhkarton.
Wer wünscht sich nicht den Font der beim Umbruch im Blocksatz mithilft. Frühe Fotosatzsysteme beschränkten die Auswahl der Zeichen im Grunde auf Großbuchstaben, Kleinbuchstaben, Punkt, Komma und Dollarzeichen. Die Satzmaschinen von Linotype trugen zwei Fonts auf einer Matrize wodurch häufig die Kursive gleichbreit laufen mußte wie die Roman. Das waren alles Beschränkungen, die einem von der Hardware auferlegt waren; vom Gesichtspunkt der Intelligenz waren diese Technologien Gutenbergs Setzkasten schwer unterlegen. Fonts sind heute Software, Programme und daher tragen sie per Definition die Fähigkeit selbständige Entscheidungen zu treffen als Grundeigenschaft in sich. Nachdem sich Apple für zukünftige Betriebssysteme Adobes Bildschirm-PostScript verschrieben hat und damit QuickDraw GX ebenso final wie eigenhändig den Kragen umgedreht hat, ist auch die eigene, revolutionäre Fonttechnologie TrueType GX zu einem auf FontTech-Newsgroups beschränktes Zombiedasein verdammt. Adobe hat sich unterdessen mit Microsoft, dem bisherigen Konkurrenten im Bereich Fontformat zusammengetan um OpenType (OT) aus der Taufe zu heben. Der Kampf der Datenformat-Giganten endet also damit daß sie sich den Markt brüderlich teilen wollen. OT ist eine Erweiterung der vor allem im PC bereich bewährten TrueType-Technologie, ein Datenformat in dem sich sowohl TrueType als auch PostScript fonts einbetten lassen und stellt eine deutlich unterlegene Konkurenz zu GX dar. Beispielsweise sogenannte „vertical joining scripts”, also Sriften, die von oben nach unten verlaufen und deren einzelne Buchstaben miteinander anschließen, sind ein Standardfeature in GX, scheinen aber jenseits der Möglichkeiten von OT zu liegen. Auch bietet sich dem Schriftgestalter nicht die Flexibilität eigene Funktionalität „on the fly” zuzufügen. OpenType basiert auf dem Unicode encoding, einer (16-bit) Technologie und unterstützt daher unwarscheinlich große Zeichensätze in einem einzigen Font (theoretisch bis zu 3200 Zeichen), was ist in erster Linie für non-Latin Umgebungen besonders interessant ist. Dem Schriftentwerfer bietet sich darüber hinaus zum ersten mal die Möglichkeit auf Fontniveau typografische Features wie kontextabhängige Glyphsubstitution zu realisieren ohne sich dabei über beide Ohren in die Hackerhölle des undokumentierten Tableeditings zu begeben. Kursive, Kapitälchen, Zier- oder Swashbuchstaben, Ligaturen und spezielle Letterformen für besondere typografische Anlässe wohnen alle in einem einzigen Font, der selbst smart genug ist um zu entscheiden, wann welche Features anzuwenden sind. Deutliche Vorteile liegen in weitgehenderer Cross-Plattform-Kompatibilität, also der Tatsache, daß sich die Mächtigen endlich einig sind, was Hoffnungen auf ein einziges Fontformat zulässt, das überall funktioniert unabhängig welches Schildchen jetzt gerade auf dem Computer oder dem Printer klebt. Das Programm Robofog wird OpenType unterstützen und mit Visual TrueType ist zum ersten mal ein Programm auf dem Markt, das es erlaubt sich des überlegenen TT-Hintings zu bedienen ohne zu den zwanzig Leuten auf diesem Planeten gehören zu müsse, die die relevante Programmiersprache beherrschen. Ergo alles wird Gut.
Seit einigen Jahren lebt Hannes Famira in Den Haag, mit dem Fahrrad fünf Minuten vom windigen Strand entfernt.
Seine Ausbildung begann 1991, als er den Vorkurs der Allgemeinen Gewerbeschule Basel besuchte und anschließend grafische und typografische Gestaltung an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste Den Haag studierte (Diplom, Sommer 1996). Unter seinen Dozenten waren Frank Blockland, Matthias Noordzij, Peter Verheul und Petr van Blockland. In den Sommerferien absolvierte er Praktika in verschiedenen Betrieben (Layoutsetzerei Stulle in Stuttgart und xplicit-ffm). Nach dem Studium durchlief Hannes bei Studio Dumbar und dem FontBureau in Boston das in Holland übliche Praktikumsjahr.
Bei Studio Dumbar arbeitete Hannes u.a. am Wettbewerb zur Gestaltung der Euro-Münzen mit und entwickelte die Pictogramme für das Orientierungssystem der „gak“ (eine Firmengruppe zu deren Aufgabe die Umsetzung des holländischen Arbeits- und Krankenrechtes gehören). Zur Privatisierung erhielt die gak vom Studio Dumbar eine neue Corporate Identity mit einer exclusiven Hausschrift von Just van Rossum, die auch im Orientierungssystem Anwendung findet.
Beim FontBureau in Boston arbeitete er an Custom-Fonts für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen mit.
Zur Zeit arbeit Hannes im Bureau Petr van Blokland und Claudia Mens in Delft. Sein Aufgabebgebiet liegt hier in der Gestalung für Inter- und Intranet, im Schriftentwurf und Database-Publishing. Für die Versicherungsgruppe „Nationale-Nederlanden” ist er mit einer Komplettübearbeitung der Hausschrift Helvetica und den Logo- und Formularfonts beschäftigt. Zur endgültigen einführung des Euro, der gemeinsamen Währung der europäischen Mitgliedsstaaten (ab 1.1.1999), versieht Hannes die Hausschriften der Kunden des Büros mit dem benötigten Währungszeichen, das bis jetzt in den zum Kauf angebotenen Fonts nicht enthalten ist.
Arbeiten
Während des Studiums machte Hannes eine Menge kaputte Schriften („Hallo Template“, „Banana“, „Bubblejet on Steroids“, „Kugelkopf-Letter“, „Tieschy“ und „Hernard“) und tastete sich so langsam und mit viel Spaß ans Thema Schrift heran. Im Juni 1995 erschienen von den fünf Schnitten seiner Schrift ffMutilated die Gewichte Fat und PlainCaps bei FontShop im Rahmen der Serie Dirty Faces, einem regelmäßig erscheinenden Schriftpaket, das “…außergewöhnliche Beiträge zum Thema der digital gefilterten Alphabete, elektronisch verfremdete Schriften…” veröffentlicht.
Einige seiner Schriften wurden veröffentlicht im Buch „Haagse Letters“ (De Buitenkant 1996) und im „Con Form“ einer Publikation der Königlichen Akademie veröffentlicht.
Für die Gestaltung einer Benefizbriefmarke für die “Koninklijke Nederlandse Centrale Vereniging tot bestrijding der Tuberculose” erhielt er 1995 den Robert Koch Preis.
Zur InterFamily©
Die InterFamily© ist ursprünglich ein Schulprojekt. Zur Ausbildung an der Königlichen Akademie in Den Haag gehört im dritten Studienjahr die Gestaltung einer eigenen Schrift, mit dem Ziel sie für das Examen bis zur Anwendbarkeit zu entwickeln. Die ersten Skizzen entstanden in einem von Just van Rossum geleiteten Workshop im Rahmen der Märzakademie in Stuttgart. Nach diesen Faustskizzen begann Hannes recht schnell das erste Alfabet in Nachtarbeit an seinem Praktikumsplatz, der Layoutsetzerei Stulle, am Computer zu zeichnen. Seitdem ist an der InterFamily© zwar viel geschehen; der Punkt jedoch, an dem sich sagen ließe: „So, du bist fertig“ liegt noch in weiter Ferne. Im Moment im Entstehen ist die Monopol, ein monospaced Korrespondenzschnitt und die Kursive.
Die InterFamily© ist ein Komplettpaket zur Lösung umfassender Gestalungsaufgaben wie Corporate Designs. Jeder der sechs Schnitte (Light, Book, Medium, Semibold, Bold und Black) hat einen Satz Kapitälchen. Das alles wiederholt sich natürlich noch einmal in der Kursiven. Um allen Anwendungen gerecht zu werden, wird die Serifenlose von einem serifenbetonten Zwillingsbruder begleitet, einer Egyptienne mit einem leicht angehobenen Kontrast, die als Brotschrift einsetzbar ist. Ein Formular-Font und der (monospaced) Korrespondenzschnit runden die Familie ab und ermöglichen es auch komplexe typografische Jobs innerhalb der InterFamily© lösen zu können, ohne auf andere Schriften ausweichen zu müssen.
Die Großbuchstaben haben eine recht geringe Versalhöhe und laufen eher schmal, wodurch es möglich ist ganze Worte in Versalien zu setzen, ohne daß weiße Wolken im Text entstehen. Die Kleinbuchstaben werden von Mediævalziffern und den entsprechenden kleinen Währungszeichen begleitet. Die SmallCaps Fonts sind mit Versalziffern ausgestattet. Wenn Hannes die Schrift anwendet und einer Buchstabenkombination über den Weg läuft, die nach einer Ligatur schreit, dann zeichnet er eine, was nicht immer sinnvoll ist, aber Spaß macht und ungewöhnliche typografische Lösungen ermöglicht.
Warum Schriften Zeichnen
Schrift zeichnen macht – so Hannes Famira – Spaß. Das ist ein ziemlich guter Grund für ihn um sich damit zu beschäftigen. Darüber hinaus nennt er noch andere Gründe:
Grob vereinfacht könnte man sagen, daß das, was man im täglichen Leben zum visuellen Konsum vorgeworfen bekommt ein Kuddelmuddel aus unverdaulichen Rohdaten ist. Zum einen Teil ist dies Bildmaterial und zum anderen geschriebenes Wort in der einen oder anderen Form. Wenn nun der Job des Grafikers darin besteht aus diesen Daten Information zu kneten, so muß eigentlich die Hälfte seiner Aufmerksamkeit dem Umgang mit Schrift gelten, der Typografie. Typografie ist Hannes Famiras professionelles Anliegen.
Bei der Wahl einer Schrift kommen eine Reihe technischer und ästhetischer Kriterien zum Zuge. Die alte Regel laut welcher der Schriftgestalter seinen Job gut gemacht hat, wenn man eine Schrift nicht bemerkt, bedeutet für Hannes nicht, daß gute Gestaltung unauffällig ist. Auf der langen Scala zwischen ausgesprochener und unentschiedener Gestaltung liegt sein Anliegen sicherlich auf der Seite des Eindeutigen. Handelt es sich um größere komerzielle Anwendungen, so kommen zu technischen und ästhetischen Gesichtspunkten noch rechtliche und wirtschaftliche. Von all den tausenden Schriften, die im richtigen Dateiformat verfügbar sind, bilden die, die er gerne benutzen würde weil sie „gut aussehen“, also eine Reihe ästhetischer Bedingungen für ihn erfüllen, eine recht kleine Auswahl. Die funktionellen Ansprüche, die eine Schriftfamilie erfüllen muß um gute Typografie zu ermöglichen reduziert die Gruppe der noch in Frage kommen Schriften noch einmal. Es bliebe ihm also oft die Option, bestehende Schrifen zu erweitern, das heißt, Dateien zu öffnen und für die jeweiligen Zwecke brauchbar zu machen. Das ist urheberrechtlich problematisch, kreativ fragwürdig und vom Arbeitsaufwand oft langwieriger als ein neuer Ansatz. So mag es ihm besser erscheinen, sich selbst hinzusetzen und sich die Schrift zu zeichnen, die er braucht. Ausschließlich mit Schriften anderer Gestalter zu typografieren, erscheint ihm persönlich zu wenig, so wie ausschließlich mit Stockfotos zu arbeiten. Aber er gesteht ein, daß das auch ein Stückchen Fachidiotie ist von ihm ist.
Schrift zeichnen ist für ihn der erste Schritt beim Typografieren. Das mag eine recht radikale Herangehensweise sein, heißt aber im Umkehrschluß, daß er, wenn er eine Schrift gestaltet auch genaue Vorstellungen in Bezug auf die Typografie hat. Leider beschränken sich die Möglichkeiten diese Vorstellungen einer Schrift mit auf den Weg zu geben eigentlich nur auf das Kerning und die Entscheidung welche Buchstaben miteinander auftreten sollten (z.B. daß im Text die Mediævalziffern zu verwenden sind). Daß sich hiermit die Einflußnahme auf die Typografie schon erschöpft hat liegt vor allem an den eingeschränkten technischen Möglichkeiten.
Schrifttechnologie, wo gehts hin?
Beim Umgang mit Schrift lassen wir uns von allen Seiten helfen. Das Font Utility (Suitcase, MasterJuggler, ATM usw.) aktiviert Fonts, interpretiert Outlines, löst ID-Konflikte, erkennt Familienzugehörigkeiten usw. Die (Textbearbeitungs-, Layout- usw.) Programme positionieren, skalieren, rotieren Outlines, merken sich Typogramme, verstehen oder editieren sogar Kerning, der Rasterizer macht schwarze und weiße Flächen aus Outlines, interpretiert das Hinting etc.
Hierbei kann man im Prinzip zwei Orte unterscheiden, wo die Intelligenz sitzen kann: Im Font selbst oder in den Programmen, in denen die Fonts gebraucht werden.
Da der Programmierer natürllich keine Ahnung haben kann, welcher Font tatsächlich zur Anwendung kommt, stattet er die Applikationen mit einem breiten Spektrum an Möglichkeiten zur Schriftmanipulation aus, ohne auf die jeweiligen Besonderheiten eines Alfabetes eingehen zu können. Mit dieser Methode kann man schon eine Menge erreichen, man wirkt dabei aber immer nur von außen auf den Font ein. Man kann sozusagen die Buchstaben hin und her rücken, sie sind sich dabei jedoch ihrer speziefischen typografischen Umgebung nicht bewußt. Daß Fonts sich ihrer Umgebung entsprechend verändern sollten ist eine gar nicht so neue Idee. Johannes Gutenberg hatte im Beginn für seine Schriften eine ganze Menge alternativer Buchstaben und Ligaturen zur Verfügung. Das ausgewogene Bild der geschriebenen Schrift vor Augen gebrauchte er also statt einer Menge identischer, eine Vielzahl alternativer, beispielsweise in der Laufweite variierender Lettern. Es scheint jedoch als landeten später aus Erwägungen der Wirtschaftlichkeit alle Buchstabenvarianten in einem einzigen Schuhkarton.
Wer wünscht sich nicht den Font der beim Umbruch im Blocksatz mithilft. Frühe Fotosatzsysteme beschränkten die Auswahl der Zeichen im Grunde auf Großbuchstaben, Kleinbuchstaben, Punkt, Komma und Dollarzeichen. Die Satzmaschinen von Linotype trugen zwei Fonts auf einer Matrize wodurch häufig die Kursive gleichbreit laufen mußte wie die Roman. Das waren alles Beschränkungen, die einem von der Hardware auferlegt waren; vom Gesichtspunkt der Intelligenz waren diese Technologien Gutenbergs Setzkasten schwer unterlegen. Fonts sind heute Software, Programme und daher tragen sie per Definition die Fähigkeit selbständige Entscheidungen zu treffen als Grundeigenschaft in sich. Nachdem sich Apple für zukünftige Betriebssysteme Adobes Bildschirm-PostScript verschrieben hat und damit QuickDraw GX ebenso final wie eigenhändig den Kragen umgedreht hat, ist auch die eigene, revolutionäre Fonttechnologie TrueType GX zu einem auf FontTech-Newsgroups beschränktes Zombiedasein verdammt. Adobe hat sich unterdessen mit Microsoft, dem bisherigen Konkurrenten im Bereich Fontformat zusammengetan um OpenType (OT) aus der Taufe zu heben. Der Kampf der Datenformat-Giganten endet also damit daß sie sich den Markt brüderlich teilen wollen. OT ist eine Erweiterung der vor allem im PC bereich bewährten TrueType-Technologie, ein Datenformat in dem sich sowohl TrueType als auch PostScript fonts einbetten lassen und stellt eine deutlich unterlegene Konkurenz zu GX dar. Beispielsweise sogenannte „vertical joining scripts”, also Sriften, die von oben nach unten verlaufen und deren einzelne Buchstaben miteinander anschließen, sind ein Standardfeature in GX, scheinen aber jenseits der Möglichkeiten von OT zu liegen. Auch bietet sich dem Schriftgestalter nicht die Flexibilität eigene Funktionalität „on the fly” zuzufügen. OpenType basiert auf dem Unicode encoding, einer (16-bit) Technologie und unterstützt daher unwarscheinlich große Zeichensätze in einem einzigen Font (theoretisch bis zu 3200 Zeichen), was ist in erster Linie für non-Latin Umgebungen besonders interessant ist. Dem Schriftentwerfer bietet sich darüber hinaus zum ersten mal die Möglichkeit auf Fontniveau typografische Features wie kontextabhängige Glyphsubstitution zu realisieren ohne sich dabei über beide Ohren in die Hackerhölle des undokumentierten Tableeditings zu begeben. Kursive, Kapitälchen, Zier- oder Swashbuchstaben, Ligaturen und spezielle Letterformen für besondere typografische Anlässe wohnen alle in einem einzigen Font, der selbst smart genug ist um zu entscheiden, wann welche Features anzuwenden sind. Deutliche Vorteile liegen in weitgehenderer Cross-Plattform-Kompatibilität, also der Tatsache, daß sich die Mächtigen endlich einig sind, was Hoffnungen auf ein einziges Fontformat zulässt, das überall funktioniert unabhängig welches Schildchen jetzt gerade auf dem Computer oder dem Printer klebt. Das Programm Robofog wird OpenType unterstützen und mit Visual TrueType ist zum ersten mal ein Programm auf dem Markt, das es erlaubt sich des überlegenen TT-Hintings zu bedienen ohne zu den zwanzig Leuten auf diesem Planeten gehören zu müsse, die die relevante Programmiersprache beherrschen. Ergo alles wird Gut.

